Wie Sauerstoff auf Mond und Mars entstehen kann
Tatsächlich müssen lunare Prozesse eine ganze Reihe spezieller Anforderungen erfüllen, erklärt Dr.-Ing. Georg Pöhle, Gruppenleiter Medizintechnik und funktioneller Leichtbau am Fraunhofer-Institut für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung IFAM in Dresden: »Sie müssen sehr robust und wartungsarm sein, quasi autonom sowie praktisch abfallfrei ablaufen, sodass Materialien komplett wiederverwertet werden können. Deswegen wollen wir im All so wenig wie möglich mit gasförmigen oder flüssigen Medien arbeiten, da deren Kontrolle unter Weltraumbedingungen extrem schwierig ist.« Zugleich müssen Anlagen sehr kompakt und trotzdem leicht sein – und extremen Temperaturschwankungen standhalten. Auf dem Mond etwa kann es tagsüber bis zu 130 Grad Celsius warm werden, während es sich in den langen Nächten auf durchschnittlich –170 Grad Celsius abkühlt. Pöhle: »All diesen Herausforderungen gerecht zu werden und trotzdem einen hocheffizienten Prozess zu entwickeln – das sind Dinge, die uns manchmal Kopfschmerzen bereiten.«
Die Fraunhofer-Forschenden haben sich den sogenannten ROXY-Prozess vorgenommen: ein von Airbus in Kooperation mit dem Fraunhofer IFAM und der Boston University entwickeltes Verfahren, mit dem aus Mondstaub Sauerstoff und Metalle gewonnen werden können. Dafür wird der Regolith in einem Reaktor chemisch reduziert, also Sauerstoff aus den Metalloxiden herausgelöst. Zurück bleiben reine Metalle, die etwa für die Herstellung von Tools verwendet werden können. Der ROXY-Prozess gilt als eine Schlüsseltechnologie für künftige Mondbasen, aber auch für die nachhaltige Metallproduktion auf der Erde.
Pöhle entwickelt deshalb mit seinem Team nun Mini-ROXY – eine kompakte, sehr leichte und damit mondtaugliche Version des ROXY-Prozesses. Der Demonstrator sieht aus wie ein Bienenkorb mit einer Höhe von 30 Zentimetern, einem Durchmesser von 50 Zentimetern und einem Gewicht von 36 Kilogramm. Bei der irdischen Testung von Mini-ROXY geht es nicht nur um einen automatisierten Dauerbetrieb im Mondtag und in der Mondnacht. »Da wir das extreme lunare Vakuum in unseren Laboren schwer nachbilden können, arbeiten wir unter Schutzgas. Dadurch verhindern wir, dass die Materialien mit Sauerstoff, Wasserstoff oder Stickstoff aus der Atmosphäre reagieren«, so Pöhle.
Ziel ist, zunächst etwa einen Liter reinen Sauerstoff unter Mondbedingungen zu erzeugen – etwas, was bisher noch niemandem gelungen ist. Und das nicht nur, um die künftigen Mondbewohner mit Atemluft zu versorgen, sondern vielmehr, um das für Raketenstarts zwingend nötige O2 vor Ort produzieren zu können.
Auch auf der Erde könnte Mini-ROXY von Nutzen sein, schätzt Pöhle: »Wir schauen uns in einem laufenden Projekt bereits an, ob wir das Verfahren für die Gewinnung Seltener Erden adaptieren können.« Die terrestrischen Produktionsbedingungen seien einfacher, dafür konkurriere man hier aber mit sämtlichen etablierten Prozessen hinsichtlich Kosten und Effizienz: »Ein Verfahren, das zwar eine sehr gute Umweltbilanz vorweist, aber dafür dreimal so teuer ist, wird sich nicht durchsetzen.«
Bis Mini-ROXY auf Mond oder Mars im großen Maßstab autonom Sauerstoff produziert, werden noch Jahrzehnte vergehen. Trotzdem ergibt es für Georg Pöhle wie für die anderen Fraunhofer-Forschenden Sinn, sich schon heute mit diesen Thematiken zu befassen und Lösungen für ein extraterrestrisches Leben zu entwickeln. »Jede Technologie, die wir heute nutzen, hat eine lange Vorgeschichte«, fasst es Pöhle zusammen. »Wir entwickeln jetzt die Technologien, die in der Zukunft gebraucht werden. Und profitieren auf dem Weg dahin von vielen spannenden Ideen und wertvollen Kooperationen, die unsere Gegenwart inspirieren und verbessern können.«