Weltraumwirtschaft

Mission Zukunft im All

Webspecial Fraunhofer-Magazin 1.2026

Was passierte nach dem Urknall? Wie entwickeln sich Galaxien? Und gibt es da draußen im Weltall anderes Leben? Die Weltraumforschung diente bislang vor allem dem Wissensgewinn, viele Fraunhofer-Institute brachten und bringen sich hier mit technologischen Innovationen ein. Doch jetzt ist eine neue Perspektive hinzugekommen: Wie lässt sich der erdnahe Weltraum kommerziell nutzen? Welche Märkte und Dienstleistungen entstehen für und durch die Raumfahrt? 

New Space Economy: Dieser Begriff steht für den Wandel von der staatlich geprägten Weltraumforschung hin zu einer kommerziell getriebenen. Private Unternehmen wie das von Tech-Milliardär Elon Musk gegründete SpaceX sind zu Innovationstreibern geworden. In Deutschland wollen Start-ups wie Isar Aerospace bei München oder die Rocket Factory Augsburg Trägerraketen und Raumfahrzeuge entwickeln. Wirtschaftsprognosen sehen ein jährliches Wachstum von bis zu sechs Prozent für die New-Space-Ökonomie. Das interessiert auch etablierte Wirtschaftsunternehmen wie den Automobilzulieferer Brose SE: Das Familienunternehmen schloss Ende 2025 eine strategische Partnerschaft mit den Fraunhofer-Instituten für Kurzzeitdynamik EMI und für Silicatforschung ISC sowie dem BERLIN SPACE Consortium, um gemeinsam Kleinsatelliten und Schlüsselkomponenten für die Raumfahrttechnologie sowie elektrische Antriebssysteme zu entwickeln und in industriellem Maßstab herzustellen. 

Informatiker Dr. Stephan Busch
© Fraunhofer / Max Slobodda
Schneller am Start: Informatiker Dr. Stephan Busch will Tempo in die Serienfertigung von Satelliten bringen.

Warum Space-Technologien jetzt in Serie gehen müssen

Der Sprung in die New Space Economy erfordert ein Umdenken bei Forschung und Industrie. »Die New Space Economy braucht dringend robuste, digital integrierte, kosteneffiziente und seriell fertigbare Lösungen«, erklärt Dr. Stephan Busch, Informatiker und Kleinsatelliten-Experte am Fraunhofer EMI. Innerhalb von Fraunhofer werden diese Bestrebungen durch Fraunhofer AVIATION & SPACE befeuert, einem Zusammenschluss aus 37 Fraunhofer-Instituten. Ziel ist, Wirtschaftsunternehmen einen Zugang zu Fraunhofer-Kompetenzen im Bereich SPACE zu bieten und Brücken zu bauen zwischen Industrie und angewandter Forschung. »Fraunhofer als neutraler Enabler überzeugt gerade durch seine Interdisziplinarität: In den Instituten arbeiten nicht nur Menschen, die sich mit Space Technology auskennen, sondern auch mit klassischen Themen wie Prozessoptimierung, Digitalisierung, Automatisierung, Materialentwicklung, Logistik und Supply Chain Management«, so Busch. »Kompetenzen also, die für den Industrialisierungs-Prozess, den wir für die New Space Economy brauchen, extrem wertvoll sind.« 

Wie wichtig Kleinsatelliten für die New Space Economy sind, wird im Projekt KSaRo thematisiert, das von der Raumfahrtagentur des DLR in Auftrag gegeben wurde. Fraunhofer AVIATION & SPACE, das Fraunhofer-Institut für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalysen INT sowie das Fraunhofer EMI entwickelten dazu eine Roadmap für Kleinsatelliten-Technologien in Deutschland bis 2030. Eine Umfrage im Rahmen des Projekts zeigte klar auf, dass Unternehmen vor allem den Zugang zu geeigneten Testkapazitäten als zu komplex und kostenintensiv empfinden. Der deutsche New-Space-Sektor hat hier also noch einige Hausaufgaben zu machen. 

 

Wie Kleinsatelliten große Fortschritte ermöglichen

Doch es lohnt sich: »Vor allem Kleinsatelliten sind schnell und kostengünstig produziert und lassen sich dank der geringen Masse relativ günstig in den Orbit bringen«, erklärt Dr. Nadya Ben Bekhti-Winkel, Wissenschaftlerin am Fraunhofer-Institut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie FKIE und Leiterin der Geschäftsstelle SPACE. Zugleich eigneten sich Kleinsatelliten gut für den Einsatz in Satellitenkonstellationen und könnten so eine größere Abdeckung gewährleisten. Die Astrophysikerin ist überzeugt: »Die Industrialisierung der Kleinsatellitenfertigung trägt zur Demokratisierung des Zugangs zum All bei – so können sich auch kleinere Unternehmen und Universitäten eigene Raumfahrtprojekte leisten.« 

Astrophysikerin Dr. Nadya Ben Bekhti-Winkel
© Fraunhofer / Max Slobodda
Vision Zukunftsmarkt: Die Astrophysikerin Dr. Nadya Ben Bekhti-Winkel wurde gerade zur Vizepräsidentin der European Association of Space Technology Research Organisations (EASTRO) ernannt.

Kleiner, schneller, günstiger: 2024 bildeten acht Fraunhofer-Institute und drei Industriepartner ein interdisziplinäres Konsortium, um im Projekt NET pioneer die Optimierung der Produktion und Testung von Satelliten voranzutreiben. Zentral ist dabei die Idee einer digitalen Teststraße: modular aufgebaut, automatisiert betrieben und leicht zugänglich für Industrie und Forschung. »NET pioneer zeigt auf, wie sich das Testen im New-Space-Sektor durch Digitalisierung, Standardisierung, Automatisierung und Robotik, Modularisierung und Remote-Assistenz verbessern lässt«, bilanziert Stephan Busch, der mit Nadya Ben Bekhti-Winkel das Projekt leitete.   

Wieso näher manchmal besser ist

Vor allem Satelliten in extrem niedrigen Umlaufbahnen (Very Low Earth Orbits, kurz VLEO) eröffnen potenziellen Akteuren in der New Space Economy spannende Optionen: Die Nähe zu unserem Planeten ermöglicht eine besonders präzise Erdbeobachtung sowie die Einrichtung leistungsstarker Kommunikationsdienste. VLEO-Satelliten umkreisen die Erde in nur 90 Minuten, sodass insgesamt weniger Satelliten benötigt werden für eine globale Abdeckung. All das prädestiniert die Technologie etwa für das Landwirtschafts- und Umweltmonitoring sowie für künftige 6G-Netze. Bonus: Objekte im VLEO werden schnell abgebremst und verglühen dann, was das Risiko von Weltraumschrott verringert.

»Der VLEO steht aktuell stark im Fokus der New Space Economy«, urteilt Nadya Ben Bekhti-Winkel. Laut Prognosen von Juniper Research werden 2030 bereits mehr als 600 Satelliten im VLEO unterwegs sein; man rechnet dort mit globalen Investitionen bis zu 220 Milliarden US-Dollar bis 2027. Allerdings sind hierfür spezielle Satelliten erforderlich, denn Sauerstoffatome und andere aggressive Teilchen im niedrigen Erdorbit nutzen das Material schneller ab. Im Projekt VLEO-Demonstrator suchen die Fraunhofer-Institute für Silicatforschung ISC und für Integrierte Schaltungen IIS gemeinsam mit dem Fraunhofer EMI sowie dem Fraunhofer IOF nach Lösungen für diese Herausforderungen. 

Dr. Martin Schimmerohn
© Fraunhofer / Max Slobodda
Lufthoheit absichern: Mit seinem Team kreierte Dr. Martin Schimmerohn vom Fraunhofer EMI den Forschungssatelliten ERNST, der nun im All Raketenstarts detektiert.

Weshalb die Raumfahrt mehr ERNST gut gebrauchen kann

Welches Potenzial Kleinsatelliten in niedrigen Umlaufbahnen haben, demonstriert ERNST. Der am Fraunhofer EMI entwickelte Miniatur-Orbiter von der Größe eines Getränkekastens umkreist seit dem 16. August 2024 die Erde. Anders als Bodenradare kann ERNST dank einer Infrarotkamera Raketen bereits beim Start detektieren. Das dient zunächst einmal der Sicherheit: »Die möglichst frühe Erkennung von Raketen ist essenziell, um gegen potenzielle Gefahren rechtzeitig Gegenmaßnahmen zu treffen«, erklärt der Wissenschaftler Dr. Martin Schimmerohn, der den Forschungssatelliten mitentwickelt hat.

Zu checken, welche Bilder ERNST geliefert hat, ist für Schimmerohn und sein Team zur geliebten Morgenroutine geworden. So beobachtete der Satellit etwa im Juli 2025 den Start einer Falcon-9-Rakete in den USA und verfolgte sie während ihres Aufstiegs – wichtige Infrarot-Daten, die bisher nicht verfügbar waren. »Wir sind bislang sehr, sehr zufrieden mit ERNST«, bilanziert der Fraunhofer-Experte stolz. Und das nicht allein, weil der Satellit so zuverlässig arbeitet. Sondern auch, weil ERNST ein exzellentes Beispiel ist für den Erfolg des New-Space-Ansatzes: Die agile Plattform wurde bewusst mit pragmatischen Lösungsansätzen schnell sowie kostengünstig entwickelt.

Youtube-Video zum Start von ERNST

ERNST soll fünf Jahre lang die Erde umkreisen – viel Zeit zum Lernen und Verbessern, findet Schimmerohn. Die bisherigen Erkenntnisse fließen bereits ein in die Entwicklung des ERNST-Nachfolgers, der am Fraunhofer EMI in Kooperation mit dem Konzern Brose entstehen soll. Für Schimmerohn ist der Automobilzulieferer ein idealer New-Space-Partner: »Es ist zielführender, einem Experten in der Serienfertigung beizubringen, wie man Satelliten baut, als einen Satellitenproduzenten aus der ›Established Space‹-Welt auf industri-elle Produktion umzustellen.« Insgesamt sei das Vorhaben das perfekte Fraunhofer-Projekt: »Spitzentechnologie möglichst schnell in die Anwendung bringen und so die Transformation der Wirtschaft vorantreiben.« Dass deren Interesse an der New-Space-Thematik groß ist, sieht der Wissenschaftler beinahe täglich: »Es herrscht Goldgräberstimmung. Und dazu beizutragen, die Raumfahrt auf das nächste Level zu bringen, ist unglaublich spannend.«

 

Wie die Dinge im All von A nach B kommen

Auch die Logistik starte mit der New Space Economy in eine neue Zeitrechnung, urteilt Prof. Michael Henke, Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML in Dortmund: »Hier entsteht ein ganz neuer Wachstumsmarkt für Logistikunternehmen.« Während für die Space Economy bis 2035 eine Verdreifachung des Marktvolumens erwartet wird, gehen die Prognosen für die Space Logistics sogar von einer Verfünffachung aus. Eine Welt, in der Wertschöpfung auf das Weltall ausgeweitet wird, benötigt eine funktionierende Logistik – ob es nun um Rohstofftransport geht, um den Aufbau und die Versorgung von Raumstationen, um Betankung und Wartung von Raumfahrzeugen und Satelliten oder Mond- und Marsmissionen.

Gut positioniert hat sich hier bereits das von Airbus-Managerin Hélène Huby gegründete Unternehmen The Exploration Company (TEC). Mit der Raumkapsel Nyx hat TEC ein flexibel einsetzbares, wiederverwendbares sowie kostengünstiges Logistiksystem für den Erdorbit und den Mond am Start – auch mit dem Ziel, Europa im Wettbewerb mit US-Unternehmen wie SpaceX besser zu positionieren. Das Fraunhofer IML tauscht sich regelmäßig mit der Exploration Company zur Weiterentwicklung von Nyx aus.

Prof. Michael Henke (l.) und Dr. Axel T. Schulte
© Fraunhofer / Max Slobodda
Grenzenlos liefern: Prof. Michael Henke (l.) und Dr. Axel T. Schulte, beide Fraunhofer IML, entwickeln Konzepte für die Weltraumlogistik.

»Die Grundidee der TEC ist die eines jeden Logistikunternehmens: Transporte von A nach B zu ermöglichen«, erklärt Henke. »Mit der Besonderheit, dass B nun im Weltall liegt und seine Position ständig verändert. Und dass im Idealfall alles, was A – also unsere Erde – verlässt, entweder dahin zurückgebracht oder aber oben wiederverwendet werden sollte.« Sein Kollege Axel T. Schulte, verantwortlicher Abteilungsleiter am Fraunhofer IML für Space Logistics, ergänzt: »In der terrestrischen Logistik geht es aktuell stark um Themen wie Automatisierung und vernetzte, intelligente Logistik. Diese Ansätze der Selbststeuerung in Kombination mit KI lassen sich sehr gut auf den Weltraum übertragen. Auch dort muss vieles autonom ablaufen, da ja nicht immer Menschen vor Ort sein werden.«

Warum das Weltall ein »Warehouse« braucht

Im EU-finanzierten Projekt STARFAB entwickelt ein Team am Fraunhofer IML mit internationalen Partnern aktuell ein orbitales »Warehouse«: eine Art automatisiertes Weltraum-Servicecenter zur Unterstützung von Missionen und Diensten im All durch Dienstleistungen wie Wartung, Inspektion, Betankung, Montage und Fertigung bis zum Recycling. Bereits im Sommer 2026 soll ein Demonstrator auf dem Technologie-Readiness-Level 4 bis 6 vorgestellt werden, also ein funktionierendes Modell im Labormaßstab – ergänzt durch eine Roadmap, die den Weg zur internationalen Tankstelle im All aufzeigt.

Die Herausforderung bei Projekten in der New Space Logistics, so Ingenieur Schulte, bestehe auch hier im Transfer vorhandener Technologien, Konzepte und Lösungen auf die Umgebungsbedingungen im All: Funktioniert das auch in der Schwerelosigkeit, bei extremen Temperaturen, sehr weit entfernt von Mutter Erde und ohne menschliche Hilfe? »Die Materialien, die wir auf unserem Planeten verwenden, verhalten sich im Weltraum oft anders«, ergänzt Michael Henke. Dennoch: »Wir haben schon heute die Schlüsseltechnologien in der Hand, die wertvoll sein werden für die Space Logistics – bis hin zu Token-basierten Bezahlprozessen. Wenn im Weltall Dinge angefertigt, repariert oder transportiert werden, muss dafür irgendwie Geld fließen. Auch damit beschäftigen wir uns am Fraunhofer IML bereits.«

Welche Rolle der Kreislauf im Weltraum spielt

Die Chancen, die in der galaktischen Ausweitung des bisherigen Logistikbegriffs liegen, bringen auch Verantwortung mit sich: »Dem Thema Kreislauffähigkeit müssen wir von Beginn an eine hohe Priorität einräumen, auch im Sinne der sich daraus ergebenden Chancen«, mahnt Schulte – egal, ob es nun ums Recycling der verwendeten Materialien geht oder um die Vor-Ort-Reparatur beziehungsweise den Rücktransport defekter Flugkörper. »Hier entstehen bereits Dienstleister, die sich ganz spezifisch mit dem Thema Weltraumschrott befassen«, erklärt der Fraunhofer-Logistiker. Deutsche Unternehmen könnten eine Vorreiterrolle einnehmen und dabei ein enormes Geschäftspotenzial erschließen. Allerdings nur, wenn sie baldmöglichst ins Tun kommen und nicht auf vordefinierte Standards warten oder durch eine überstarke Regulatorik ausgebremst werden.

Das allerdings gelte, so Henke, eigentlich für die gesamte nationale Logistik-Branche: »Deutschland ist eines der führenden Logistikländer weltweit. Gleichzeitig besteht aber hierzulande immer die Gefahr der Überregulierung.« Verbindliche Leitplanken etwa hinsichtlich Datensicherheit oder Verantwortung für Weltraumschrott seien natürlich wichtig. Doch wer nur auf die Risiken blicke, verbaue sich Chancen, die dann andere nutzen. Als Positivbeispiel führt Henke den ISO-Container an, erfunden vom US-amerikanischen Spediteur Malcolm McLean Mitte der 1950er-Jahre, um die Verschiffung von Waren effizienter zu machen: »Dieser Container wurde zum Standard ganz ohne regulatorische Vorschrift vorab.«

Ähnlich müssten nun Lösungen für die Space Logistics geschaffen werden, die schnell einen echten Mehrwert bieten und sich allein deshalb als Quasi-Standard durchsetzen – etwa in Form eines nicht nur wiederverwendbaren, sondern auch intelligenten und vernetzten Standard-Space-Containers. »Der Weltraum ist ein Wachstumsmarkt, den wir für die Logistik entwickeln wollen«, argumentiert Schulte. Denn: »Ohne Logistik funktioniert auch da oben nichts.«

Was sich aus Mondstaub herstellen lässt

Dr. Andreas Dietz hatte die Raumfahrt zunächst ebenfalls nur als interessierter Beobachter verfolgt. Ende der 1990er-Jahre beauftragte die Firma Airbus dann seine Gruppe am Fraunhofer-Institut für Schicht- und Oberflächentechnik IST in Braunschweig mit der Entwicklung einer Beschichtung von Satellitenantennen aus CFK für das Sentinel-1-Programm der ESA – für das Fraunhofer IST ein Türöffner in Richtung Weltall.

Heute befasst sich Andreas Dietz mit Weltall-Thematiken, die für die meisten Menschen noch stark nach Science-Fiction klingen: Können Menschen auf dem Mond leben – und wie lässt sich dies bewerkstelligen? »Dort oben gibt es ja nichts«, so der Elektrochemiker. Rohstoffe oder gar Geräte extra einzufliegen, sei extrem teuer, »derzeit schlägt jedes Kilogramm Payload mit mindestens 15 000 Euro zu Buche. Da wird über jedes Gramm verhandelt.«

Besser wäre es also, vor Ort verfügbare Ressourcen zu nutzen. In der Raumfahrt wird das unter dem Begriff ISRU zusammengefasst: »In-Situ Resource Utilization«. Auf dem Mond vorhanden ist vor allem Regolith – loses Gestein, das unter anderem Silizium-, Eisen-, Titan-, Aluminium- und Magnesiumoxide enthält. Doch wie lassen sich daraus Behausungen, Werkzeuge, Fahrzeuge und eine Infrastruktur herstellen? Und wo kommt die dafür benötigte Energie her? »Auf dem Mond haben wir mit 14 Tagen Helligkeit und 14 Tagen absoluter Dunkelheit einen anderen Tag-Nacht-Rhythmus als auf der Erde«, sagt Dietz. »Sich nur auf Solarpower zu verlassen, funktioniert nicht ohne einen effizienten Energiespeicher.«

Youtube-Video

Interview mit Dr. Andreas Dietz auf der ILA 2022: Ressourcengewinnung auf dem Mond

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In dem DLR-geförderten Projekt »Ferrotherm« erforschte Dietz mit seinem Team und in Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie ICT Möglichkeiten, das im Regolith vorhandene Eisenoxid für eine Art Kraftwerk zu nutzen. »Denken Sie an die Wunderkerzen an Silvester«, erklärt der Wissenschaftler: »Da verbrennt auch vor allem Eisenpulver.« Das im Rahmen von Ferrotherm entwickelte Prinzip beinhaltet eine elektrochemische Reduktion von Eisenoxid. Das dabei erzeugte Eisenpulver wird zusammen mit dem gleichfalls freigesetzten Sauerstoff verbrannt. Dabei entstehen Wärme und Strom sowie festes Eisenoxid, das sich einfach aufsammeln und im nächsten Schritt erneut in Eisen und Sauerstoff zerlegen lässt. Dietz: »Die perfekte Kreislaufwirtschaft.« Ein weiterer Vorteil dieses Prozesses ist, dass kein Kohlendioxid freigesetzt wird – im Gegensatz zur Stromerzeugung mittels Kohle, Gas oder Erdöl. Das mache dieses Verfahren auch interessant für eine irdische Nutzung, urteilt Andreas Dietz. Schließlich ist Eisen das vierthäufigste Element in der Erdkruste.

Dr.-Ing. Georg Pöhle
© Fraunhofer / Max Slobodda
Mann für den Mond: Dr.-Ing. Georg Pöhle, Fraunhofer IFAM, erarbeitet extraterrestrische Produktionslösungen.

Wie Sauerstoff auf Mond und Mars entstehen kann

Tatsächlich müssen lunare Prozesse eine ganze Reihe spezieller Anforderungen erfüllen, erklärt Dr.-Ing. Georg Pöhle, Gruppenleiter Medizintechnik und funktioneller Leichtbau am Fraunhofer-Institut für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung IFAM in Dresden: »Sie müssen sehr robust und wartungsarm sein, quasi autonom sowie praktisch abfallfrei ablaufen, sodass Materialien komplett wiederverwertet werden können. Deswegen wollen wir im All so wenig wie möglich mit gasförmigen oder flüssigen Medien arbeiten, da deren Kontrolle unter Weltraumbedingungen extrem schwierig ist.« Zugleich müssen Anlagen sehr kompakt und trotzdem leicht sein – und extremen Temperaturschwankungen standhalten. Auf dem Mond etwa kann es tagsüber bis zu 130 Grad Celsius warm werden, während es sich in den langen Nächten auf durchschnittlich –170 Grad Celsius abkühlt. Pöhle: »All diesen Herausforderungen gerecht zu werden und trotzdem einen hocheffizienten Prozess zu entwickeln – das sind Dinge, die uns manchmal Kopfschmerzen bereiten.«

Die Fraunhofer-Forschenden haben sich den sogenannten ROXY-Prozess vorgenommen: ein von Airbus in Kooperation mit dem Fraunhofer IFAM und der Boston University entwickeltes Verfahren, mit dem aus Mondstaub Sauerstoff und Metalle gewonnen werden können. Dafür wird der Regolith in einem Reaktor chemisch reduziert, also Sauerstoff aus den Metalloxiden herausgelöst. Zurück bleiben reine Metalle, die etwa für die Herstellung von Tools verwendet werden können. Der ROXY-Prozess gilt als eine Schlüsseltechnologie für künftige Mondbasen, aber auch für die nachhaltige Metallproduktion auf der Erde.

Pöhle entwickelt deshalb mit seinem Team nun Mini-ROXY – eine kompakte, sehr leichte und damit mondtaugliche Version des ROXY-Prozesses. Der Demonstrator sieht aus wie ein Bienenkorb mit einer Höhe von 30 Zentimetern, einem Durchmesser von 50 Zentimetern und einem Gewicht von 36 Kilogramm. Bei der irdischen Testung von Mini-ROXY geht es nicht nur um einen automatisierten Dauerbetrieb im Mondtag und in der Mondnacht. »Da wir das extreme lunare Vakuum in unseren Laboren schwer nachbilden können, arbeiten wir unter Schutzgas. Dadurch verhindern wir, dass die Materialien mit Sauerstoff, Wasserstoff oder Stickstoff aus der Atmosphäre reagieren«, so Pöhle.

Ziel ist, zunächst etwa einen Liter reinen Sauerstoff unter Mondbedingungen zu erzeugen – etwas, was bisher noch niemandem gelungen ist. Und das nicht nur, um die künftigen Mondbewohner mit Atemluft zu versorgen, sondern vielmehr, um das für Raketenstarts zwingend nötige O2 vor Ort produzieren zu können.

Auch auf der Erde könnte Mini-ROXY von Nutzen sein, schätzt Pöhle: »Wir schauen uns in einem laufenden Projekt bereits an, ob wir das Verfahren für die Gewinnung Seltener Erden adaptieren können.« Die terrestrischen Produktionsbedingungen seien einfacher, dafür konkurriere man hier aber mit sämtlichen etablierten Prozessen hinsichtlich Kosten und Effizienz: »Ein Verfahren, das zwar eine sehr gute Umweltbilanz vorweist, aber dafür dreimal so teuer ist, wird sich nicht durchsetzen.«

Bis Mini-ROXY auf Mond oder Mars im großen Maßstab autonom Sauerstoff produziert, werden noch Jahrzehnte vergehen. Trotzdem ergibt es für Georg Pöhle wie für die anderen Fraunhofer-Forschenden Sinn, sich schon heute mit diesen Thematiken zu befassen und Lösungen für ein extraterrestrisches Leben zu entwickeln. »Jede Technologie, die wir heute nutzen, hat eine lange Vorgeschichte«, fasst es Pöhle zusammen. »Wir entwickeln jetzt die Technologien, die in der Zukunft gebraucht werden. Und profitieren auf dem Weg dahin von vielen spannenden Ideen und wertvollen Kooperationen, die unsere Gegenwart inspirieren und verbessern können.«      

Landwirtschaftliche
Helfer im All

Was nach Hightech für ferne Welten und Zukunftsszenarien klingt, hat auch Einfluss auf unseren Alltag: Entwicklungen aus der New Space Economy verbessern zunehmend das Leben auf der Erde. Dazu gehören nicht nur präzisere Satellitensysteme für ein Plus in der nationalen Sicherheit und Souveränität sowie für Navigation oder Wettervorhersagen – auch die Landwirtschaft und damit die Welternährung profitieren von Fortschritten der Raumfahrt. 

 

Podcast

»Willkommen im New Space«

Der Begriff »New Space« steht für eine neue Ära in der Raumfahrt, in der kommerzielle Akteure wie SpaceX, OneWeb oder BlueOrigin die Branche prägen. Doch Europa muss aufholen – darüber sprechen wir mit renommierten Expertinnen und Experten der Fraunhofer-Gesellschaft.

 

Podcast

»New Space – Was haben Bestrahlungstests mit Raumfahrtemissionen zu tun?«

Wieso müssen Bauteile für Weltraummissionen vorher Bestrahlungstests durchlaufen? Was passiert, wenn sie dies nicht tun? Und wie verändert sich die Raumfahrtbranche durch die New Space-Bewegung?

Ansprechpartnerin

Contact Press / Media

Carina Laßek

Fraunhofer AVIATION & SPACE | Geschäftsfeld SPACE, Kommunikation & Projektmanagement

Fraunhofer-Institut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie FKIE
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